Trascrizione
Sehr geehrter Herr Croce!
Erlauben Sie mir, einer Unbekannten, Ihnen zu sagen, dass Ich mit grossem Interesse Ihr Buch “Poesia” gelesen habe.
Die Fragen der Poesie – wir haben ja dafür im Deutschen das schöne Wort “Dichtung” – haben mich von jeher sehr beschäftigt. So habe ich auch über viele der Probleme, die Sie in Ihrem Buche behandeln, selbst nachgedacht und finde zu meiner Freude darin Antwort auf manche bisher ungelöste Frage. Oft bestätigen, ja bekräftigen Ihre Darlegungen meine eigenen Gedanken, oft sprechen sie klar aus, was ich wohl selbst empfand, aber noch nicht hätte in Worte fassen können.
Ich muss es mir natürlich versagen, Ihnen alle die Abschnitte und Stelle zu nennen, die für mich besonders aufschlussreich wären.
Ganz besonders den Kapitel über die Literatur und deren Abgrenzung gegenüber der Dichtung verdanke ich eine Klärung, die ich schon lange gesucht und erstrebt habe und die mir für meine Arbeit – ich bin als Kritikerin haupstächlich italienischer Literatur an schweizerischen Zeitungen und Zeitschriften tätig – ausserordentlich wertvoll ist. Sie begreifen gewiss, dass mich die Stellen, an denen Sie sich über die Mission des Kritikers aussprechen, mit besonderer Genugtuung erfüllt haben: leider ist ja der Kritiker allzusehr entweder zu einem blossen Buch-Ankündiger, oder zu einem unbeteiligten Berichterstatter des Inhalts, oder, was noch schlimmer ist, zu einem seichten Lobpreiser der Mittelmässigkeit herabgesunken. Die hohe Auffassung des Kritiker-Amtes, die Sie vertreten, bestärkt mich aufs neue in der Ueberzeugung, dass einzig sie zur Richtschnur dieser Arbeit gemacht werden darf. Eine solche Auffassung verleiht auch das Recht, mit unerbittlicher Strenge, aber auch ebensosehr mit wohlwollender Grossmut Richter über Poesie und Nichtpoesie zu sein, wie Sie es sind.
Ich hoffe Ihr Werk in einer der führenden schweizerischen Zeitungen durch eine Besprechung würdigen zu können, die von seinem reichen Gehalt eine Vorstellung zu geben vermag. Es ist wohl kaum eine der unzähligen Fragen, die demjenigen, der sich um die Dichtung müht, aufsteigen, von Ihnen ausser Acht gelassen worden. Wie Sie von Grund aus, gewissermassen con der Zelle des Ausdrucks her, untersuchen, was Dichtung ist, wie Sie der entsteht und wie sie sich von allen Erscheinungen, die man gemeinhin auch für Dichtung zu halten geneigt ist, dem Wesen nach unterscheidet, wie Sie der Wiedererweckung der Dichtung als schöpferischem Prozess nachgehen, die Faktoren, die dabei mitwirken, ergründen, wie Sie das Problem des Hässlichen, das Problem der Einheit des Kunstwerks beleuchten, wie Sie die Schönheit als einziges Kennzeichen echter Dichtung hervorheben, wie die irrigen Auffassungen der Geschichte der Poesie von Ihnen blossgelegt werden, wie die Starrheit jeglicher Kategorien immer wieder im lebendig fliessenden und durcheinander wirkenden Leben aufgelöst wird, wie die Dichtung in den grossen Zusammenhang der gesamten Kunst sich einordnet – dies alles ist für jeden, dem diese Fragen am Herzen liegen, fesselnd zu verfolgen und von hervorragend klärendem ordnendem Wert.
Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass Ich Ihnen Ende 1933 eine kleine Arbeit über Dantes Divina Commedia übersandte. Ich hielt mich damals eine Zeit in Neapel auf, als Gast im Hause der Damen Boubée, mit denen ich sehr befreundet bin.
Ich verstehe sehr wohl, dass meine Arbeit (meine Dissertation, zu der ich die Anregung Herrn Prof. Spoerri in Zürich verdanke) vor Ihren Augen schwerlich Gnade finden kann; es hat mich auch nicht überrascht, dass an einigen Stellen Ihres Buches dieser Art des Vorgehens ein ziemlich vernichtendes Urteil gesprochen wird. Und doch wage ich es, Sie zu fragen: könnten Sie diesen Weg nich anerkennen als einen der Wege, das Organ zur Aufnahme der Poesie zu wecken und zu schärfen? Ich bin durchaus mit Ihnen einverstanden, dass diese Methode gänzlich unfruchtbar ist, wenn sie nicht beständig die Totalität der Dichtung im Auge behält und wenn sie nicht derjenige anwendet, dem die Ehrfurcht vor dem letztlich nicht Fassbaren innewohnt.
Nun möchte ich zum Schluss eine Frage an Sie richten. Ich würde mich sehr gerne der Aufgabe unterziehen, Ihr Buch ins Deutsche zu übertragen. Falls Sie noch niemanden mit der Uebersetzung beauftragt haben und Sie sich dazu entschliessen könnten, mir Ihr Werk anzuvertrauen, so könnten Sie versichert sein, dass ich nicht ruhen würde, bis die Uebersetzung eine getreue Wiedergabe des Originals wäre, nicht nur dem Worte, sondern auch dem Geiste nach.